Kreuzweg Kloster Ingenbohl

Wer eine Treppe hoch in die Klosterkirche tritt, wird zuerst in den Lichtkegel der Altarmitte und nach vorn in das seitliche Rund des Tabernakels gezogen.

Niemand dreht sich nach links, wo an der R├╝ckwand, im Halbd├Ąmmer, 14 Bronzetafeln h├Ąngen: der Kreuzweg. Auch wer die Klosterkirche wieder verl├Ąsst, dem werden die schwarzen Tafeln kaum auffallen.

Vielleicht nimmst du dir einmal Zeit f├╝r diesen Kreuzweg:

Zeit – f├╝r den Kreuzweg Jesu.
Zeit – f├╝r deinen Kreuzweg.
Zeit – f├╝r den Kreuzweg aller Menschen.

Schon der erste Schritt, vom Eingang her nach links, ist ungewohnt, aber er ist n├Âtig. Den Schritt nach links, den Schritt auf den Weg des Kreuzes, wer macht den von sich aus? Und doch geht jeder seinen Kreuzweg, bewusst oder unbewusst, verzweifelt oder auf die Kraft des Kreuzes vertrauend.

Nun stehst du vor diesen rechteckigen Tafeln, alle aneinandergef├╝gt, nahtlos. Wie ein harter, eherner Weg ziehen sie sich durch den Raum. Das kalte dunkle Metall f├Ąllt schwer in die Augen des Betrachters. Augen sind geschaffen f├╝r das Licht, f├╝r die Farben, f├╝r die Harmonie der K├Ârper und Formen. Nicht f├╝r das Dunkel. Nicht f├╝r das Harte, nicht f├╝r das Fl├Ąchenhafte eines „Reliefs“.

Auf fast alles, was unsere Sinne fesselt, anreizt, erfreut, hat der K├╝nstler verzichtet. Von vornherein hat er auf das verzichtet, was wir Sch├Ânheit nennen. Kann ein Kreuzweg sch├Ân sein? Schmerzte es dich nicht, wenn da einer sagte: Das ist ein sch├Ânes Kreuz, ein sch├Âner Kreuzweg?

Der Kreuzweg in der Klosterkirche ist nicht sch├Ân in diesem ├╝blichen Sinn. Rudolf Bl├Ąttler hat verzichtet auf Licht und Farbe; auf zeitliche und historische Andeutungen der „Via dolorosa“; auf individuelle und charakteristische Z├╝ge der Gestalten; auf detaillierte Schilderung von Qual und Schmerz, von Grausamkeit und Bosheit, auf den Trost der barmherzigen Frauen von Jerusalem.

Der Beter muss gleichsam durch die Gestalt Jesu hindurchschauen. Hinter ihm und in ihm erkennt er seine eigene Geschichte und die Leidensgeschichte der V├Âlker und Nationen. Jesus steht vor ihm als der Mensch aller Zeiten. Eingegraben in die Bronze, wird der Kreuzweg Jesu zum Kreuzweg der Welt.

Diesen Kreuzweg kannst du nicht abschreiten. Du kannst ihn auch nicht in einer frommen Stunde beten. Nur in Zeitabst├Ąnden, Tafel um Tafel, wirst du ihn meditierend ertragen, bis du deinen eigenen Weg und den Tod deines Bruders, deiner Schwester, deines Freundes und deines Nachbarn auf dem Kreuzweg Jesu mittr├Ągst.