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 Kreuzweg in der Klosterkirche Ingenbohl

Rudolf Blättler, Bildhauer, Luzern, 1980
Text: Schwester Renata Pia Venzin, Ingenbohlerschwester


Wer eine Treppe hoch in die Klosterkirche tritt, wird zuerst in den Lichtkegel der Altarmitte und nach vorn in das seitliche Rund des Tabernakels gezogen. Niemand dreht sich nach links, wo an der Rückwand, im Halbdämmer, 14 Bronzetafeln hängen: der Kreuzweg. Auch wer die Klosterkirche wieder verlässt, dem werden die schwarzen Tafeln kaum auffallen. Vielleicht nimmst du dir einmal Zeit für diesen Kreuzweg:

Zeit - für den Kreuzweg Jesu.
Zeit - für deinen Kreuzweg.
Zeit - für den Kreuzweg aller Menschen.

Schon der erste Schritt, vom Eingang her nach links, ist ungewohnt, aber er ist nötig. Den Schritt nach links, den Schritt auf den Weg des Kreuzes, wer macht den von sich aus? Und doch geht jeder seinen Kreuzweg, bewusst oder unbewusst, verzweifelt oder auf die Kraft des Kreuzes vertrauend. Nun stehst du vor diesen rechteckigen Tafeln, alle aneinandergefügt, nahtlos. Wie ein harter, eherner Weg ziehen sie sich durch den Raum. Das kalte dunkle Metall fällt schwer in die Augen des Betrachters. Augen sind geschaffen für das Licht, für die Farben, für die Harmonie der Körper und Formen. Nicht für das Dunkel. Nicht für das Harte, nicht für das Flächenhafte eines "Reliefs". Auf fast alles, was unsere Sinne fesselt, anreizt, erfreut, hat der Künstler verzichtet. Von vornherein hat er auf das verzichtet, was wir Schönheit nennen. Kann ein Kreuzweg schön sein? Schmerzte es dich nicht, wenn da einer sagte: Das ist ein schönes Kreuz, ein schöner Kreuzweg? Der Kreuzweg in der Klosterkirche ist nicht schön in diesem üblichen Sinn. Rudolf Blättler hat verzichtet auf Licht und Farbe; auf zeitliche und historische Andeutungen der "Via dolorosa"; auf individuelle und charakteristsiche Züge der Gestalten; auf detaillierte Schilderung von Qual und Schmerz, von Grausamkeit und Bosheit, auf den Trost der barmherzigen Frauen von Jerusalem. Der Beter muss gleichsam durch die Gestalt Jesu hindurchschauen. Hinter ihm und in ihm erkennt er seine eigene Geschichte und die Leidensgeschichte der Völker und Nationen. Jesus steht vor ihm als der Mensch aller Zeiten. Eingegraben in die Bronze, wird der Kreuzwweg Jesu zum Kreuzweg der Welt.

Diesen Kreuzweg kannst du nicht abschreiten. Du kannst ihn auch nicht in einer frommen Stunde beten. Nur in Zeitabständen, Tafel um Tafel, wirst du ihn meditierend ertragen, bis du deinen eigenen Weg und den Tod deines Bruders, deiner Schwester, deines Freundes und deines Nachbarn auf dem Kreuzweg Jesu mitträgst.

Dabei möchten dir diese Texte helfen.

1. Station
Du, Mensch
ins Leben gehoben
stehst
allein
vor dem Berg
Berg des Todes

Du
Namenloser
verraten
angeklagt
verurteilt
in unserem Namen

2. Station
Ein Balken
wächst auf Dich zu
krümmt Dich
nackt
ins Dunkel
Dich
lebendiges Kreuz

3. Station
Kreuzesbalken
quer durch die Schöpfung
der Balken der Schmerzen
drückt Dich zur Erde
verkrüppelt Deinen Leib
wie einen Wurm-

Der Einzige
unter
dem Querbalken der Welt
ein Wurm
kein Mensch

4. Station
Du,
einziger Sohn Deiner Mutter
in ihrem Mantel geborgen
an ihrem Herzen gerettet-

Gerettet
zum Träger des Kreuzes
den Tod im Herzen
des Lebens

5. Station
Eingeklemmt im
Kreuzpunkt der Schöpfung
trägst Du
die schneidende Last
gehst voran
dem hilflosen Helfer-

So kommt doch
ihr alle
seht ihn an
den hilflosen Helfer
mit der Frage der Ohnmacht

6. Station
Dein Gesicht
aus dem Dunkel gepresst
schaut mich an
fällt in mich hinein-

Jesus
Unsichtbarer
Verurteilter
hinter der Maske
o nimm sie weg
dass Dein Antlitz
in meiner Seele erwache

7. Station
Unter dem Balken
des Todes
trägst Du
das Leben
für Tausende

Du
Sohn unserer Schmerzen
Bruder und Freund

8. Station
Was schaut ihr
Verhüllte-
Frauen der ganzen Welt
ausgehöhlt von der Qual
versteinertes Entsetzen
in den erloschenen Augen

O bleibt
am Rande
der Unmenschlichkeit
dass Mitleid und Erbarmen
ihn tröste
den schuldlos Gerichteten

9. Station
Zerstört ist das Antlitz
des Menschensohnes
vernichtet
unter dem Balken der Schuld
liegt
der Elendeste
aller Elenden-

Wer
kann es ertragen

10. Station
Du
Mann der Schmerzen
wer hat Dich aufgerichtet
zum Längsbalken des Kreuzes
missbraucht
entmachtet
ausgeliefert
wer

11. Station
Auf Golgotha
geschieht es
auf tausend Hügeln
der Zeit
im Dunkel der Nacht
widerhallt sein Schrei

Stimmer Schrei
aller Gequälten
der schuldlos Schuldigen

Allgegenwärtiges Dunkel
allgegenwärtiger Tod

Die Konturen versinken
atmet die Erde noch

Das grosse Schweigen
über den Jahrhunderten
Dein Tod
in unserem Tod
Lebendiger

Unerkanntes Geheimnis
von Tod und Geburt

12. Station
Mitten
auf Golgotha
erhebt sich der Gekreuzigte
der Auferstandene
er lebt

Weit spannt er sein Leben
über uns aus
der masslos Liebende
wandelt
den Tod
in die Hoffnung

13. Station
Balken der Schöpfung
und Kreuzesbalken
quer durch die Welt

Im Lichte des Mondes
dem Mass unserer Zeit
eingegrben
in den dunklen Himmel
unserer
Erlösung



Kreuzweg


Ich bin einen Kreuzweg gegangen,
als er starb, der mir Halt gab.

Ich bin einen Kreuzweg gegangen,
als er mich verliess, den ich liebte.

Ich bin einen Kreuzweg gegangen,
als ich die Arbeit verlor, die mir wichtig war.

Wie die Frauen damals am Kreuzweg
habe ich geweint.

Wann darf ich erkennen,
dass ich dir begegnet bin?

Marie-Luise Langwald


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