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Unsere
Entstehungsgeschichte
Die Gründung unseres Instituts fiel in eine Zeit
des Umbruchs, besonders auf sozialem und politischem
Gebiet. Unter den Volksmassen der europäischen
Industrienationen was ein so tiefes soziales Elend
entstanden, dass alle humanitäre Hilfe als
unnütze Geste erschien. Um so erstaunlicher, dass es
einen jungen Ordensmann aus dem graubündischen
Münstertal, an der Südostecke der Schweiz,
drängt, der Not des Volkes mit mutigen Massnahmen zu
steuern: Pater Theodosius Florentini.
Seine ersten Reformpläne schmiedete er in Baden, im
politische heissen Kanton Aargau. Schule und Armenpflege
hielt er für die vordergründigsten Anliegen
seiner Zeit. Obwohl der hochbegabte junge Kapuziner ein
erklärter Feind von Revolutionen war, erliess die
radikale Aargauer Regierung am 18. Januar 1841 gegen ihn
einen Haftbefehl. Er floh ins Elsass, wo seine sozialen
Vorstellungen deutlichere Gestalt annahmen.
Wenige Monate später kehrte er in die Schweiz
zurück und verwirklichte in Altdorf, Kanton Uri, den
schon in Baden gefasste Plan der Gründung eines
Schwesterninstitutes. Dorthin berief er im Herbst 1844
die drei ersten Aspirantinnen, die er nach der
Klosteraufhebung im Aargau - besonders mit Hilfe ihrer
bisherigen Oberin in Maria Krönung zu Baden - im
Ausland hatte zu Lehrerinnen ausbilden lassen. Ihnen
wurde als erste Aufgabe die Gründung einer
Mädchenschule in Menzingen, Kanton Zug,
übertragen.
Diese kleine klösterliche Gemeinschaft - die 20
jährige Katharina Scherer aus Meggen, Kanton Luzern,
schloss sich im März 1845 ihr an - wuchs sehr rasch,
so dass sie bald in zahlreichen Gemeinden der Zentral-
und Ostschweiz Volksschulen übernehmen konnte.
1845 wurde Pater Theodosius Dompfarrer in Chur, Kanton
Graubünden, und machte sich in kurzer Zeit einen
Namen als engagierter Seelsorger, berühmter Prediger
und feuriger Sozialapostel. In Kürze brachte er die
katholische Volksschule seiner Pfarrei, die sogenannte
Hofschule, wieder auf anerkannte Höhe und
gründete ein Pensionat für höhere
Mädchenbildung. Um der unbeschreiblichen Armut des
Volkes zu steuern, führte er Heimindustrie
(Seidenweberei, Stickerei, Strohflechterei,
Baumwollweberei) in die Familien ein.
Für die Kranken und Alten sorgte der Staat damals
wenig oder überhaupt nicht. 1850 gründete
Florentini in Chur sein erstes Spital; 1852 berief er zur
Leitung desselben die Lehrschwester M. Theresia
Scherer.
Noch im selben Jahr machte sich der Dompfarrer auf die
Reise nach Rom, um die päpstliche Approbation
für sein Werk zu erbitten. Pius IX. lobte es und
ermunterte seinen Gründer zu weiterem Wirken. Die
Rückreise über Neapel, München und andere
grosse Städte machte Pater Theodosius zur
Bettelfahrt für den nötig gewordenen Neubau in
Chur, das Kreuzspital.
Die Behörden von Chur verhinderten den Ausbau des
Kreuzspitals mit dem angegliederten Noviziat zu einem
Mutterhaus für Barmherzige Schwestern. Deshalb
erwarb Pater Theodosius 1855 in der Zentralschweiz den
Nigg'schen Hof, ein Bauerngut auf einem Hügel
Ingenbohls am Vierwaldstättersee gelegen. Im
Frühling des folgenden Jahres bezogen die Schwestern
mit Heiterkeit und Gottvertrauen die neue "Behausung", in
der es praktisch an allem fehlte.
Der Bauernhof entwickelte sich zum Mutterhaus, und 1857
wurde Schwester M. Theresia Scherer zur Generaloberin
gewählt, nachdem 1856 die Lehrschwestern in
Menzingen und die Barmherzigen Schwestern in Ingenbohl
durch bischöflichen Entscheid zu zwei
selbständigen Instituten erklärt worden
waren.
Theodosius Florentini, seiner Zeit um hundert Jahre
voraus, war längst zu einem europäisch
bekannten Sozialreformer geworden, bewundert von den
Zeitgenossen, doch ohne die nötige Hilfe für
seine Unternehmungen gelassen. Mit ihm Schritt zu halten
stellte auch für die jungen Frau Mutter eine
Herausforderung dar, der sie mit der ganzen Kraft ihrer
Persönlichkeit standhielt.
Für alle unvermutet, riss der Tod am 15. Februar
1865 unsern Gründer mitten aus seiner rastlosen
Tätigkeit heraus. Die erst 40jährige Frau
Mutter stand vor fehlgeschlagenen Fabrikunternehmen mit
einem Berg von Schulden. Zusammen mit ihren tapferen
Schwestern übernahm sie in Treue zum geistigen Erbe
des Gründers die ganze Konkursmasse und rettete das
Institut und den Namen des Gründers.
Die folgenden Jahre waren für die
Mitbegründerin Mutter M. Theresia randvoll
gefüllt mit Sorgen, Bitterkeiten und Entbehrungen
aller Art. Unermüdlich nahm sie beschwerliche Reisen
durch halb Europa auf sich, besuchte die Schwestern in
den verschiedenen Niederlassungen, gründete
Kinderheime, Schulen, Krankenhäuser, Altersheime.
Sie kannte keine Schonung für sich selbst, schreckte
vor keiner Verdemütigung zurück und trat
furchtlos jeglicher Ungerechtigkeit entgegen. Wohin sie
auch kam, ihr klares Urteil, ihr gütiges Wort, ihr
anspruchsloses Wesen und die ruhige Heiterkeit ihrer
Seele bedeuteten für alle, mit denen sie zu tun
hatte, Zuversicht, Trost und Ermunterung, weckten
Selbstvertrauen und mobilisierten ungeahnte
Kräfte.
Ihr Tod am 16. Juni 1888 war für alle Schwestern
herbe Prüfung und verpflichtende Herausforderung.
Das Schwesternverzeichnis für das Jahr 1888 meldete
1596 Schwestern in 397 Häusern. Die meisten
Schwestern wirkten in den Niederlassungen, die dem
Mutterhaus direkt unterstellt waren, die übrigen in
den Provinzen Böhmen, Oberösterreich,
Slavonien, Steiermark und Mähren.
Die zeitgeschichtlichen Krisen, Veränderungen und
Umwälzungen von 1888 bis heute, haben die
Entwicklung unseres Institutes mitgeprägt. Aber
Geist und Beispiel der Gründer verloren ihre Kraft
nicht. Auch bei veränderten Bedürfnissen und
unter ganz anderen Bedingungen des 20. Jahrhunderts
können sie uns die Richtung weisen und Wege
öffnen zu neuen Aufgaben, zu Werken der
Barmherzigkeit. Die damals erstaunliche Erkenntnis von
Pater Theodosius "WAS BEDÜRNIS DER ZEIT, IST GOTTES
WILLE",
bleibt
für unser Institut der zeitgemässe
Wahlspruch.
Schwester Renata Pia Venzin
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